Herausforderung: Umrüstung von 70er-Jahre-Mehrgeschossern

Leonberg
Medienversorgung der Zukunft: Mehr zur optischen SAT-ZF-Verteilung

Die Gründe für eine Umstellung der TV-Medienversorgung im Wohnungsbestand sind vielfältig: Entweder laufen die Gestattungsverträge mit Kabelnetzbetreibern in den nächsten Jahren aus, es steht eine umfassende Sanierung des Gebäudes an, oder Mieter und Wohnungseigentümer beschweren sich über ein unzureichendes Programmangebot und eine schlechte Signalqualität.

So auch in Leonberg. Insgesamt 444 Wohnungen umfassen die wuchtigen 70er-Jahre-Hochhäuser der ehemaligen Neuen Heimat, die im Besitz von zwei Wohnungseigentümergemeinschaften (WEG) sind. Zwischen 40 und 60 Prozent der Wohnungen sind vermietet.

Vor der Umrüstung existierte eine völlig veraltete Satelliten-Kopfstation mit einem Koaxialnetz in Baumstruktur, das ohne Leerrohre in die Wände einbetoniert wurde. „Einstrahlungen in die alte Netzstruktur führten zu Ausfällen“, sagt Volker Heß, Verwalter des kurz „Leo II“ genannten Teilbestands. Siegfried Grossmann, der sich für die A&R Hausverwaltung um die 180 Wohnungen von „Leo I“ kümmert, ergänzt: „Immer mehr Bewohner mit neueren und leistungsstarken Großbildschirmen hatten sich über die schlechte Signalqualität beklagt, insbesondere bei HD TV und HD+ Sendern. Eine Sanierung des alten Netzes war nicht möglich. Also suchte Heß gemeinsam mit dem Verwaltungsbeirat nach Alternativen.

Vier SAT-Positionen.
Die BIG Medien aus Mönchengladbach - 2014 von der Berliner Tele Columbus-Gruppe gekauft - entwickelte eine pragmatische und zukunftssichere Lösung: Das alte Koax-Netz wurde nicht angerührt. Stattdessen wurden in die Telefon-Leerrohre vieradrige Glasfaserleitungen eingezogen, alle Wohnblöcke beider WEGs durch Glasfaser-Erdleitungen miteinander verbunden und durch eine optische SAT-Anlage mit vier Satellitenpositionen versorgt. „Neben dem bereits mehr als 500 Sender umfassenden Basispaket der Astra-SAT-Position 19,2 Grad Ost für 6,96 Euro im Monat können sich die Bewohner für 5 Euro je weitere SAT-Position fast jeden Sender der Welt dazubuchen. Entscheidend ist der offene freie Programmzugang vom Satelliten in die Hausnetze. Die Hausnetze, die keinen Exklusivitätsklauseln unterliegen, lassen den Bewohnern zudem die freie Wahl, welche Anbieter sie beispielsweise für Internet, Telefonie, Smart Home, Smart Metering, Hausnotruf etc. wählen“, erklärt Silke Steinhart, Regionale Vertriebsleitung der Tele Columbus AG. Damit die Leitungsvorteile, die das Glasfasernetz bietet, auch bei Telefonie und Internet zum Tragen kommen, wurde mit der WiSoTEL aus Backnang ein Provider gewonnen, der das Hausverteilnetz an seinen Glasfaser-Backbone auf der Netzebene 3 angebunden hat. Die maximale Internet-Flat mit 200 Megabit je Sekunde kombiniert mit einer Festnetz-Flat für Telefonie kostet 59,95 im Monat. Niedrigere Übertragungsraten sind entsprechend günstiger. Trotzdem steht es den Bewohnern frei, welchen Provider sie nutzen wollen. Sie können also nach wie vor auf DSL-Verbindungen via Telefonkabel setzen.

„Fiber To The Home“.
Die Verteiltechnik der 3 Millimeter dünnen Glasfaserkabelstränge wurde im Treppenhaus auf jeder Etage in einen freien Versorgungsraum installiert. Von dort wurden die vier Glasfasern bis in eine fertig terminierte Glasfaser-Anschlussdose in jede Wohnung gelegt. Eine Faser leitet das Standard-Astra-Signal weiter, während drei weitere Fasern frei und individuell mit anderen Satellitenpositionen, Telefonie, Internet oder anderen interaktiven Multimediadiensten belegt werden können. Da es noch keine Empfangsgeräte gibt, die die optischen TV-Signale direkt verarbeiten können, sind in den Wohnungen optische Wandler eingebaut, die die Lichtwellen in digitale Signale rückwandeln. Silke Steinhart: „Die wohnungsinterne Koaxialverkabelung stellt vermutlich noch für die nächsten fünf Jahre eine Übergangslösung dar. Erst wenn die Industrie Fernsehempfangsgeräte und Computer mit optischen Eingängen ausstattet, kann auch auf die letzten Meter des klassischen Koax verzichtet werden.“ So werden also auch in Leonberg die digitalen Signale über wohnungsinterne Koaxialkabel in bis zu vier weitere Multimediadosen innerhalb der Wohnung weiterverteilt. Der Vorteil: Jeder Nutzer kann in jedem Wohnraum unterschiedliche Programme und Sender zeitgleich auswählen, im Internet surfen oder via Glasfaser telefonieren.

Contracting-Modell bei der Finanzierung.
Natürlich hat diese Komplettinstallation mit Lichtwellenleitern ihren Preis. Da z. B. die WEG „Leo I“ andere investive Prioritäten besitzt und zunächst die Tiefgarage sanieren möchte, hat man sich für ein Contracting-Modell entschieden. Jede WEG hat mit einem Baukostenzuschuss vor allem die wohnungsinternen Konverter- und Multimediadosen finanziert. Die Hauptinvestition in die Gebäudeverkabelung, die SAT-Anlage und die Verbindungsleitungen zwischen den Gebäuden wurde durch die Tele Columbus AG vorfinanziert. Der entsprechende Vertrag besitzt eine Laufzeit von zwölf Jahren und wird über die umlagefähige Fernsehgebühr bzw. bei den selbstnutzenden Wohnungseigentümern über das Hausgeld refinanziert. Die Tele Columbus wartet und betreibt die Anlage und organisiert die individuelle Zubuchung weiterer SAT-Positionen durch die Bewohner. Nach zwölf Jahren geht die Anlage ins Eigentum der beiden WEG über.

Verwalter Siegfried Grossmann ist zufrieden mit der baulichen Umsetzung, die insgesamt drei Monate gedauert hat: „Ich hätte mit mehr Problemen gerechnet. Aber die gute Vorbereitung, z. B. durch das Angebot von Infonachmittagen für die Bewohner, hat für Transparenz gesorgt.“

Praxisbeispiel Bestand: Leonberg
165.69 KB